Nicht alle Protzer sind reich

Neulich hielt ich mit dem Fahrrad bei einer roten Ampel. Neben mir ein Bentley Continental. Kosten min. 200’000,- Franken. Drin war ein junger Mann, locker gekleidet, nicht älter als 35. Dann sah ich wie er sein kaputtiges iPhone 6 rumdrückt.

Unterhaltsam, oder eher zum Bemitleiden sind auch die Personen im Video, in dem die Outfits der Leute bewertet werden. Geschätzte 13-jährige laufen mit 700 CHF teuren Schuhen, oder mit 500 CHF teuren Gucci Taschen rum. 

Klar, ich übertreibe hier und vielleicht war das Handy vom Bentley-typ an dem Morgen runtergefallen, oder das Auto hat er ausgeliehen. Vielleicht sind die Teenies im Video wirklich alle Kinder von Millionären. Mir kam aber die Erkenntnis vom Buch “The Millionaires Next Door” in den Sinn.  – Derjenige, der reich aussehen will, ist meistens nicht reich. Im Gegenteil, meist sind sie verschuldet.

Aldi, an einem Samstag Morgen. Vor dem Laden ein 100’000,- teurer AMG Mercedes. Eine ganze Familie steigt aus, um mehrere Kartons vom Orangensaft einzukaufen, den es heute 0.20 Rappen günstiger gibt.

In meiner Schulklasse gab es auch jemanden, dessen Bruder (damals über 30) noch Zuhause wohnte und sich dann einen teuren Mercedes gegönnt hat. Wenn man ihn auf der Strasse rumfahren gesehen hat, dachte man, er sei wohlhabend. Dabei wohnte er noch Zuhause und hat sein ganzes Geld und noch mehr für dieses Auto ausgegeben.

Früher fragte ich mich immer, wie es sein kann, dass so viele junge Leute mit teuren Autos und teuren Kleider unterwegs sind. Ich stellte mir immer eine Pyramide vor. Wie eine Bedürfnispiramide aber mit Materiellen Dingen. Ganz unten, die Wohnung. Verdient man richtig viel, dann würde man sich zuerst eine richtig schöne, bequeme Wohnung leisten mit schönen Möbel und ein gigantisches Ferneher. Vielleicht Sauna, oder eigenes Fitnessstudio. Solche Sachen. Dann der nächste Level vielleicht schön essen gehen, teure Ferien, dann teure Kleider und Zubehör wie iPad, oder Laptop etc. Man hat noch vielleicht eine zweite Wohnung, die vermietet ist, ein Ferienhaus und richtig viel Geld auf dem Konto. Und quasi als Spitze des Eisbergs, wenn all das vorhanden ist, kauft man sich ein teures Auto.

Die Beispiele passten also nicht in meine Vorstellung. Der sich ein 100’000,- teures Auto kaufen kann, sollte doch nicht die Zeit haben, wegen O-Saft mit der Familie in Aldi zu fahren. Dem ist der Preis des O-Safts egal, denn er kann sich das locker leisten und seine Zeit ist viel zu wertvoll dafür um an Wochenenden nach Aktionen zu suchen. Genauso der Bentley-Typ. Wer sich ein Bentley kaufen kann, könnte man meinen, dass er sich ein Handy leisten kann, das nicht zerfällt.

Wenn ich also jemandem mit einem 200’000,- teures Auto gesehen habe, dachte ich, der müsse seeeehr sehr reich sein und man sieht nur die Spitze des Eisbergs von seinem Wohlstand. Es heisst auch, dass ein durchschnittlicher Bugatti Veyron Besitzer noch 16 weitere Autos und einen Yacht besitzt. Wahrscheinlich hat die Person mit dem Luxusauto eine super Wohnung, einige Hundert Tausend Franken auf dem Konto und mehrere Zehntausend Franken als Einkommen. Ich war neidisch, weil sie so sorglos und reich wirkten. Und da war meine Logik falsch. Bzw. nicht falsch, nur sehr naiv. In der Realität ist die Pyramide gerade umgekehrt.

Wie im Beispiel mit dem Bruder meines Schulfreunds, ist bei vielen Leuten das Auto an erster Stelle. Alles andere ist egal. Die ganze Familie wohnt in eine kleine Wohnung, damit der Sohn mit dem ersten Lohn sich das teuerste Auto leasen (und nicht kaufen)  kann, das er bekommt. Die Eltern bürgen wahrscheinlich auch noch für die Verpflichtung, damit der Junge protzen und allen zeigen kann, dass er “es geschafft hat”.

Wo sind dann die “echten” reichen?

Die Superreichen klammere ich hier mal aus. Die reichen- oder eher wohlhabenden mit einem Vermögen von 1-2-3-4 Millionen Franken erkennt man nicht. Sie sehen vollkommen normal aus. Es sind Uni-Professoren, Hausärzte, Banker, die bescheiden geblieben sind. (Ja, es gibt auch  Bankangestellte, die bescheiden sind). Sie besitzen Autos für 20-30’000,- Franken und kaufen es bar. Mein Uniprofessor fuhr jeden Tag mit dem Fahrrad. Manchmal nahm er das Tram. Nicht, weil er kein Geld dafür hatte. Im Gegenteil. Aber nur weil er das Geld dafür hatte, heisst es nicht, dass er es auch ausgeben musste. Sie tragen keine aussergewöhnlichen Kleider und Funktion der Kleidung ist ihnen wichtiger als die Marke. Der grösste Teil ihres Vermögens ist nicht in Werten, die schnell ihr Wert verlieren, wie Autos oder Kleidung, sondern in Anlagen, die ihr Wert erhalten oder sogar steigern. Sprich Eigenheim, Aktien, 3. Säule.

Ich möchte die Bedürfnisse anderer Menschen nicht Werten. Jeder macht das mit dem Geld, was er für richtig hält. Dass es finanziell keinen Sinn macht, ein teures Luxusauto zu kaufen und den Unterhalt und Wertvernichtung zu zahlen muss ich nicht erklären. Ich möchte nur darauf hinweisen, dass du dich nicht von diesen Personen blenden lassen sollst. Es sind keineswegs all dieser Protzer reich. Du siehst nicht die Spitze des Eisbergs, sondern wahrscheinlich eine Person, die über ihre Verhältnisse lebt, oder die Prioritäten anders setzt. Du sollst dich nicht schlecht fühlen, wenn deine Priorität ist, genug Geld auf dem Konto zu haben.

 

4 Antworten auf „Nicht alle Protzer sind reich“

  1. Schöner Artikel. Vielleicht hatte der Mercedesfahrer einen Firmenwagen? Ein Bekannter von mir hat mal einen BMW SUV im Wert von fast 100 000 erhalten – als Incentive zur Auszeichnung seiner Verkaufserfolge. Deswegen hat er aber nicht sein Einkaufsverhalten geändert und nach drei Jahren gab’s wieder ein einfacheres Auto.
    Oder vielleicht mag die Familie speziell DIESEN O-Saft?
    Ich fahre auch regelmässig über die Grenze, wenn SPEZI im Angebot ist. Ich liebe dieses Getränk, das ich in der Schweiz leider nicht erhalte. Die Leute müssen mich für verrückt halten, wenn ich das ganze Auto mit 1.5-Liter-Sixpacks vollade. Gottseidank kenne die Zöllner mich wohl schon an der Grenze.

    1. Ja du hast recht. Von der erwähnten Familie mit dem Bruder wusste ich aber, dass es kein Geschäftsauto war. Ich glaube die Mehrheit legt wirklich zu viel Wert auf das äussere Auftreten. Apropos, wir kaufen auch oft in Deutschland ein. Wenn ich mich dort umschaue, sind viel mehr teuere Protzerkarren unterwegs.

  2. Das Auto ist und bleibt ein schickes Statussymbol. Hat ja auch den Vorteil, dass man es sehr gut nach außen hin sieht. Anderen ist es völlig egal, mir auch, es ist ein Gebrauchsgegenstand, der im Idealfall funktioniert und wenig Ärger und Kosten verursacht.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.