Sind Millenials verwöhnt?

Ich sehe eine steigende Tendenz, dass immer mehr junge Erwachsene ihr Leben “chliiger” angehen. 

3. Weltkrieg, Buschbrände in Australien und Corona Virus. Themen in Januar 2020, die früher mit viel mehr Respekt behandelt wurden, bilden heute Grundlage für Memes im Internet. Die Generation hat keine Angst und kein Schamgefühl mehr, wie auch? Sie sind in einer Phase aufgewachsen, ohne Krieg, ohne spürbare Krise, mit immer mehr Möglichkeiten, mehr Flexibilität und mehr Rechte. Diese Menschen sind in der besten Phase aufgewachsen, die die Menschheit je hatte. Die Eltern dieser Generation sind vermögender als die Menschen zuvor. So können Millenials locker einen “Zwischensemester”, eine Weltreise, ein Auto oder Hotel Mama besser leisten. Die Kinder müssen sich noch weniger um sich sorgen und werden hemmungslos. 

 

Vielleicht ist diese Entwicklung vereinbar mit der Bedürfnis-Pyramide von Maslow. Bekanntermassen sind verschiedene Stufen der Bedürfnisse zu befriedigen. Jeder hat das Grundbedürfnis um zu überleben, das heisst Essen, Heizung, Dach über dem Kopf, Kleidung etc.  Wenn diese Bedürfnisse befriedigt sind, will der Mensch Sicherheit. Er will sich sicher fühlen, dafür sorgen Recht, Arbeit und Geld, das ihm Sicherheit gibt. Wenn diese Bedürfnisse erfüllt sind, braucht der Mensch soziale Interaktion. Er will geliebt und gemocht werden. Er möchte Freunde haben und mit Menschen interagieren. Wenn er das auch hat, dann möchte er in einem nächsten Schritt Anerkennung. Er möchte angesehen werden, geschätzt oder sogar beneidet werden. Er möchte Bestätigung und wenn all das vorhanden ist, möchte er als letztes sich selbstverwirklichen. Er möchte sich entfalten, das beste aus sich herausholen. 

 

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier

Das heisst, wir gewöhnen uns sehr schnell an neue Umstände. Wenn du zum Beispiel umziehst, wirst du am Anfang alles neu und komisch finden, doch bereits nach ein paar Monaten wirst du dich daran gewöhnen und dein neues Zuhause als das neue “Normal” empfinden. Das gleiche passiert in jedem Bereich. Du kriegst eine lang ersehnte Lohnerhöhung und bist im ersten Moment überglücklich. Nach ca 6 Monaten hast du dich aber an dein neues Lohnniveau gewöhnt und findest dein Lohn normal. 

 

Wenn ich die Geschichte der letzten 100 Jahre betrachte,

dann fällt auf, dass die Grosseltern unserer Eltern mehrere Kriege erleben mussten. Meine Urgrossmutter ausländischer Stammung hat zum Beispiel von Soldaten vor der Haustür erzählt und dass sie und ihre Familie monatelang sich von Kartoffel und Brot ernähren mussten. Dass sie im Kommunismus ein Ticket für das Bezugsrecht von 1 kg Brot bekommen haben und 6 Tage die Woche 12 Stunden in Fabriken arbeiteten. Da war es nicht selbstverständlich, dass das Bedürfnis von Existenz und Sicherheit befriedigt war. Nach dem 2. Weltkrieg war man froh, wenn man eine monotone, harte Arbeit in eine dunkle Fabrik hatte, denn man hatte wenigstens eine Arbeit und somit Geld um Essen zu kaufen. 

 

Mit der Zeit (vor Allem nach dem Mauerfall 1989) wurden die Bedingungen besser, der freie Marktwirtschaft wurde stärker, die Kriegszeiten gingen langsam vergessen. Neue Arbeitsfelder wurden entdeckt, das internet kam und die Befriedigung der Bedürfnisse Existenz und Sicherheit waren viel weniger problematisch. Die Eltern erinnerten sich aber immer noch an die Geschichten der Grosseltern, die noch die Nachkriegszeit erlebt haben. 

 

Heute, diejenigen, die ca 2000 geboren wurden denken gar nicht daran, dass es mal eine Zeit gab, in der Menschen nichts zum Essen hatten. Die Kinder können heute auswählen, ob sie Avocado-toasts oder Müsli mit Goji-Beeren essen wollen. Wenn die Eltern sie aus der Wohnung schmeissen, gehen sie halt zur Sozialhilfe und bekommen eine Wohnung gezahlt. Die Eltern würden dies sowieso nicht tun, weil sie viel mehr mit ihren Kindern beschäftigt sein können. Sie arbeiten nicht mehr 72 Stunden pro Woche, sondern nur noch 40 Stunden oder in Teilzeit. Oder im Home Office. Sie verbringen mehr Zeit mit den Kindern und haben finanziell andere Möglichkeiten als die Generationen zuvor. 

 

Der Fortschritt während den letzten 100 Jahren hat ohne Frage zur Verbesserung der Lebensqualität beigetragen. Das ist sehr erfreulich. Der Nachteil ist, dass Jugendliche (geb. >2000) sich nichtmalvorstellen können, wie es ist, die Bedürfnisse an Sicherheit, Existenz und zum Teil Soziales nicht erfüllt zu haben. Sie starten ihr Leben auf einem sehr hohen Niveau. Ihre Eltern haben Materiell vorgesorgt, haben eine schöne Wohnung, gut bezahlte Jobs, Autos, gehen regelmässig in den Ferien etc. Das heisst nicht, dass die Jungen keine Sorgen haben und stets zufrieden sind, im Gegenteil. Sie befinden sich auf einem höheren Level der Bedürfnispyramide und sehnen sich nach Anerkennung und Selbstverwirklichung. Das Smartphone ist heute das, was das Brot in den 1920-er Jahre war. Ohne Smartphone ist man heute ausgeschlossen. Man wird ausgegrenzt und hat kein soziales Ansehen. Auch wenn das ganze ein “Jammern auf hohem Niveau” aussieht, kann ich mir vorstellen, dass die Jugendliche trotzdem “ähnlich” schlimm leiden. Es wäre interessant das gespürte Leid auf einer Skala vergleichen zu können. Das geht aber leider nicht. 

Bei der Arbeit treffen sich jung und alt

Meine Wahrnehmung ist, dass immer mehr Jugendliche bei den Jobs weniger auf die Vergütung und mehr auf die persönliche Entwicklung schauen. Sie sind mehr auf die Aufgaben des Jobs fixiert. Das ist eigentlich toll. 

Ich sehe auch, dass sehr viele eine Weltreise machen. Vor 20 Jahren wäre das für ein Normal-Jugendlichen sehr schwer erreichbar. Heute ist die Möglichkeit für viele erreichbar geworden. Mir fallen sofort in meinem Umfeld 4 Leute ein, die mit Ende 20 ihren soliden Jobs gekündet haben, damit sie eine Weltreise machen konnten. Ich zähle die Leute gar nicht dazu, die vor, während oder nach dem Studium eine längere Reise gemacht haben. 

Die Kündigung dieser Leute hat bei uns im Büro für Verwunderung gesorgt und da merkte ich auch die unterschiedliche Denkweise und dieses Zusammentreffen unterschiedlicher Generationen und die unterschiedlichen Erfahrungen und Bedürfnisse im Jugendalter. Die ü40 Personen konnten es nicht verstehen, wie man einen gutbezahlten, soliden Job in einer Bank für eine Weltreise kündigen kann. Sie verstehen diese “Irgendwie wird sich danach schon was ergeben” Mentalität nicht. Sie mussten damals hart studieren und sich anstrengen um einen guten Job zu bekommen. Ihre Eltern bestanden darauf eine gute Ausbildung zu machen, damit sie einen gut bezahlten Job bekommen (Weil ihre Eltern damals das auch sagten, weil damals gute Jobs selten und sehr wichtig waren um Nahrung und Wohnung etc. zu sichern). Heute droht es in den westlichen Ländern keinen zu verhungern. Ein Krieg ist auch sehr lange her. Ein Job zu haben ist immer noch wichtig, doch es ist nun auch wichtig (vielleicht den Millenials wichtiger) etwas sinnvolles zu machen, etwas zu erleben und sich zu verwirklichen. Die Jungen denken, später können sie immer noch genug arbeiten. Eine Weltreise bietet sich in jungen Jahren an, bevor sie eine Familie gründen und noch bevor sie mehr in der Arbeitswelt gefestigt sind.  Ich bin mit ihnen einverstanden. Wenn sie sich die das alles finanziell leisten können und sie noch keine Familie haben, wieso nicht ? 

Was ist das Problem mit den “Boomers”? 

Ich finde heutzutage die starren Arbeitsmodelle und Arbeitsmoral veraltet. Ich sehe häufig Familienväter, die Morgens um 7.00 kommen und bis Abends um 19.00 da sind. Ich sehe aber nicht, dass sie in Arbeit versinken. Seine Arbeitskollegen können ja auch um 17.00 nach Hause, also machen sie entweder etwas falsch, oder sie wollen einfach nicht nach Hause. Ich glaube es ist immer noch in den Köpfen, dass es von den Kollegen und Chefs “angesehen” wird, wenn jemand lange im Büro bleibt. Wenn man krank ist, kommt man trotzdem arbeiten, ausser man ist wirklich sehr krank, sonst hat man Angst als “Weichei” darzustehen. Auch an Wochenenden und Ferien werden Mails gecheckt und sogar manchmal etwas für Montag vorbereitet. Ich meine hier nicht die hochbezahlten Kaderjobs bei Milliardenunternehmen, da gehört es vielleicht dazu für den Job zu leben, man wird aber auch dementsprechend belohnt. Insgesamt nehmen die ü40 Mitarbeiter ihre Jobs zu ernst und sind zu verkrampft. Sie haben Angst ihre Meinung zu sagen und haben Bedenken, sie könnten ihr Job schnell verlieren. Sie wollen auch weiterkommen und bei der nächsten Beförderung vorne mit dabei sein. Daher auch der Anreiz trotz Krankheit zur Arbeit zu kommen, oder am Wochenende erreichbar zu sein. Home Office ist zum Beispiel ein modernes Arbeitsmodell um Beruf und Familie oder Work Life balance zu vereinbaren. Solange die Arbeit qualitativ gleichwertig erledigt wird, sollte es doch besser sein, die Möglichkeit wahrzunehmen von Zuhause aus zu arbeiten. Jedoch spüre ich noch keine vollständige Akzeptanz der älteren Mitarbeiter. Es getrauen sich tendenziell nur jüngere, nicht so karrierenfokussierte Leute von Zuhause aus zu arbeiten. Obwohl einige ältere Arbeiter im Büro nicht unbedingt produktiver sind. 

 Wer hat nun Recht? Jung oder alt?

Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Jugendliche scheinen wirklich ein wenig zu sorglos geworden zu sein. Ihre Arbeitsmoral ist für Ältere schwierig nachzuvollziehen. Sie haben teils zu hohe Erwartungen an den Jobs und sind nicht bereit 100% zu geben, wie die Generation zuvor. Jugendliche sollten mehr Respekt und Arbeitsmoral aufbringen. Ältere sollten im Gegenzug nicht so verkrampft und starr sein. Ich finde es aber spannend wie die zwei verschiedenen Generationen im Job aufeinandertreffen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.